Was ist digitale Achtsamkeit?
Digitale Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde.
Digitale Achtsamkeit hat nichts mit Meditation zu tun. Zumindest für mich nicht. Es hat einfach mit einem Bewusstsein zu tun, durch welchen Content ich mich beeinflussen lasse. Das sollte eine ganz bewusste und emotional sichere Entscheidung sein!

Alles beginnt beim Genervt-Sein. Ein kleiner Fuck-Up also.

Eins vorab: Ich habe hier keine mit Keywords vollgestopften Blogs konsultiert oder andere Recherchen betrieben, sondern nach einer bewussten Auszeit einfach nur sehr ehrlich darauf geachtet, was mich in den sozialen Medien so stört, dass ich ernsthaft krank werden würde, wenn ich nichts dagegen unternehme. Krank macht alles, was Energie zieht, statt sie zu schenken. Und was mir extrem Energie zieht, ist in erster Linie das permanente Performance Marketing, von dem wir belästigt werden. Das nervt mich so sehr, dass ich mit meiner Arbeit und dem Einsatz für das Gute dagegenhalten will, auch wenn ich damit gegen Goliath antreten sollte (was für ein Framing!). Jedenfalls: Es gibt auch eine andere explizite Verhaltensweise, die mich von den Menschen nervt, die nicht im professionellen Kontext unterwegs sind: Und zwar ist das das Einfach-so-drauf-los-Posten ohne Kontextualisierung. Oder sollte ich sagen: Ohne Storytelling?

Warum wir alle Autor:innen sind – und ein Bewusstsein davon haben sollten 

Auf meiner Visitenkarte steht: Teresa Werner – Digital Storyteller & Social Author. Das ist weniger eine Berufsbezeichnung als eher eine Berufungsbezeichnung. Es fühlt sich exakt wie meine Aufgabe an, den Menschen ein Bewusstsein davon zu vermitteln, dass sie alle Erzähler:innen sind – und zwar ihres eigenen Lebens und ja, bei Mutti am Kaffeetisch genauso wie bei LinkedIn oder Instagram. Wenn mich jemand nach der Weltformel fragen würde, ich würde allen Ernstes antworten, dass sie in einer erzählerischen Ordnung verankert liegt. Wie eben eine mathematische Formel in der Mathematik. ∛ Erzählen ist ein Weltzugriff, nein, DER Weltzugriff. Und gerade weil unsere Welt so komplex ist, brauchen wir irgendeine Orientierung. Es ist mir schier ein Rätsel, wie man Content in die Welt schießen kann, der eben diese Orientierung nicht gibt!

Wie ich genervt gucke
Wie ich genervt gucke

Alles passiert in einer Chronologie – und Geschichten unterscheiden sich von einer reinen Chronologie dadurch, dass sie einen Zusammenhang herstellen, einen Kontext abbilden: Weil dieses passiert ist, ist jenes passiert. Ganz simpel. Hallo Simon Sinek*, so neu ist das nicht, was du da der Business-Welt beigebracht hast, aber trotzdem Danke, dass du es getan hast. Ich würde halt korrigieren: Finde dein Weil, nicht dein Warum. Denn, Sprachnerds aufgepasst: Das „Weil“ ist eine Konjugation und hat grammatikalisch die Aufgabe, einen Zusammenhang zwischen zwei Inhalten herzustellen. Das „Warum“ ist ein Fragewort, welches uns auf formaler Ebene schon ein bisschen unter Druck setzt, denn ja ok: „Finde dein Warum“, wie soll das gehen? „Finde dein Weil“ klingt schon konkreter, oder?

(* Simon Sinek hat mit seinem „Golden Circle“ ordentlich Furore gemacht. Seine These: Die Leute kaufen immer dein Warum und niemals dein Was. Produkte sind quasi egal. Das Buch dazu: „Finde dein Warum“, googelt bitte selbst 😬)

Warum wir heute nicht mehr erzählen können 

Wie so vieles ist eine Antwort hierauf extrem komplex und das ist auch schon das Weil: Weil die Welt so komplex ist, gibt es keine Chronologie mehr. Ich könnte, wenn ich Professorin wäre, ein ganzes Semester damit füllen, glaubt mir. Angefangen bei Aristoteles, oder vielleicht noch ein bisschen früher bei den Höhlenmalereien. Denn irgendwie alle fangen bei Aristoteles an; Teresa natürlich nicht, logisch. Ich würde in dem Semester einen kompletten Ritt durch die Menschheitsgeschichte machen und zeigen, wie Menschen ihre Gegenwart durch die verschiedenen Zeiten hindurch zur Darstellung gebracht haben. Einfach nur um am Ende des Semesters triumphierend bewiesen zu haben, dass der Mensch schon immer erzählt hat – und zwar in Bildern –, ja, dass er sich schon immer erst IM ERZÄHLEN selbst gefunden hat usw. usf. Ich bin aber keine Professorin und daher ist dies ein mal wieder viel zu lang werdender Blogartikel. 

Also lassen wir die Menschheitsgeschichte einfach mal weg und landen direkt im Jahr 2007, als nämlich das erste iPhone auf die Welt gekommen ist. – Und die aufmerksamen Leser haben natürlich sofort kapiert, wer in diesem Artikel der Schuldige sein soll.

Wird oft verwechselt: Mut und Schuld

Wir alle empfinden Scham für etwas. Scham hängt ganz fest mit dem Thema Schuld zusammen. Schuld ist eine Erfindung ziemlich vieler Ordnungssysteme, ob das Religionen sind (überlegt mal, was uns das Christentum erzählt: Wenn du jetzt nicht brav bist, kommst du in die Hölle! Selbst meine Oma hat das noch geglaubt), oder ob das die Wissenschaft ist; wobei deren Erzählungen ja auch stimmen, das sind halt selten die, die wir hören wollen. Am besten beherrscht das jedoch die Wirtschaft: Was uns da nicht alles erzählt wird! Und die Erzählungen, die ich hier aufbreche und wofür ich mich NICHT schäme, kreisen rund um das Thema Performance Marketing. Ich schäme mich nicht, weil ich Schuld durch Mut ersetze. Ich bin mutig, diese ganzen Glaubenssätze des digitalen Marketing anzugreifen: Du brauchst dringend einen Newsletter und wenn du Abonnenten willst, musst du ihnen einen Freebie anbieten und sowieso MUSST du einen Funnel aufbauen. (Wer nicht weiß was ein Funnel ist, schätze sich glücklich: Das ist einfach Bullshit.) Dabei geht es nur darum, Menschen in eine Höhle reinzulocken um ihnen dann Kram zu verkaufen, den sie gar nicht brauchen. Digitales Performance-Marketing funktioniert exakt so. Und ich als Geisteswissenschaftlerin möchte es aber lieber wie Platon machen: Aus der Höhle rausklettern und Erkenntnis gewinnen! Wer das Höhlengleichnis von Platon nicht kennt, recherchiere das bitte sofort. Es ist viel wichtiger das zu wissen, als was ein Funnel ist. Und ja, das sage ich als Digital Native. Also seid mutig und vergesst Funnel – aber auch eure eigenen Zweifel, dass niemanden interessieren würde, was ihr zu erzählen habt. Doch. Tut es! Darüber ein anderer Artikel.

Das Smartphone als Träger von neuen Erzählstrukturen 

Nachdem wir also gelernt haben, dass wir Schuld durch Mut ersetzen können, wollen wir also auch dem Smartphone und der Digitalisierung keine Schuld an irgendwas geben, sondern deren Innovationskraft feiern. Alles Digitale ist nicht so furchtbar böse, wie es mir die ein oder anderen weiß machen wollen. Ich will jetzt nicht damit anfangen, dass der beste Weg einen Feind loszuwerden ist, ihn zum Freund zu machen, denn das würde voraussetzen, dass ich alles Digitale insgeheim als Feind betrachten würde; das tue ich nicht. Ich LIEBE die sozialen Medien und die Möglichkeit, in jeder Sekunde Zugriff auf alle Informationen zu haben, mich mit Menschen aus aller Welt zu vernetzen und ebenjene von zu Hause aus zu entdecken. ABER. Und jetzt kommt’s: Die permanente Gleichzeitigkeit der Geschehnisse, die permanente Konfrontation mit der Welt da draußen, sobald wir in die Medien abtauchen, stumpft.uns.ab. Und erst recht, wenn die Welt da draußen nichts anderes im Sinn hat, als uns Sachen zu verkaufen, die wir gar nicht brauchen. Und zwar ohne Erzählung! Merkt man eigentlich, wie genervt ich bin?

Was Erzählen bedeutet

Begreift bitte alles mal als Text, was ihr von euch gebt: Dann kennt ihr doch die Trias Einleitung, Hauptteil, Schluss, oder? Das ist Schulstoff, wenn es um die Gestaltung von Texten geht. Und ja, viele von euch haben Deutsch nicht gemocht, weil, oh Gott, da musste man ja nachdenken, wie anstrengend! Bei Mathe hatte man wenigstens einen Taschenrechner und in den anderen Fächern wurde einfach nur auswendig gelerntes Wissen abgefragt. Aber Deutsch? Boar nee. Viel zu viel Arbeit. Also ihr kleinen faulen Schweinchen, wenn ihr jetzt zustimmend genickt habt, dann bitte ich euch jegliche Posting-Aktivitäten einzustellen. Denn das ist die Mindestanforderung, die ein Erzählen in den sozialen Medien erfordert, wenn ihr nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden wollt. Und welcher Mensch setzt schon alles daran, nicht verstanden zu werden? Hä? Na also. Interessanterweise ist der meiste Content in den sozialen Medien aber NICHT ZU VERSTEHEN, weil man sich nicht die Mühe macht, ihn zu kontextualisieren. Merke: Die Einleitung von irgendwas ist immer für den Kontext zuständig. Beispiel Mitarbeitergespräch: Da lässt man ja auch nicht gleich die Bombe platzen, oder? 

Wie Algorithmen funktionieren – und jetzt wird’s spannend Freunde

Was ich also verändere? Ich entfolge allen Menschen, die ohne Kontext (also ohne Hin- und/oder Einführung) einfach nur irgendwas rausballern, nur, um es zu promoten. Da lerne ich nichts, nehme nichts mit und werde krank. Aber noch etwas anderes: Die entschiedene Klarheit, wem ich folge, ist nicht nur im Sinne einer digitalen Achtsamkeit mir selbst gegenüber, sondern auch auch im Sinne meiner organischen Reichweite, wenn wir die Funktionsweise von Algorithmen betrachten: Die gehen davon aus, dass ich mit dem Content meiner Abonnierten interagiere – also like, kommentiere, Nachrichten schicke usw. Wenn ich das nicht tue, wird das mit dem, was ich selbst poste, quasi verglichen: Das bedeutet, wenn wir 500 Leuten folgen, erwarten die Algorithmen, dass wir uns Content von 500 Leuten reinziehen. Täglich. 500! Ich bin doch nicht irre. Also reduziere ich drastisch runter und folge nur den Menschen, denen ich auch mit dem Herzen und nicht aus Verpflichtung folge. DENN der Effekt ist folgender: Wenn ich schön brav mit allen interagiere, denen ich folge, dann habe ich einen guten Score und erhalte, quasi im Gegenzug, eine sehr gute organische Reichweite, wenn ich selbst etwas poste: So funktionieren soziale Netzwerke, liebe Freunde, und wie lautet die Regel in den sozialen Netzwerken? Geben und nehmen. Ich kann nichts bekommen, wenn ich selbst nichts gebe. Bitteschön. 

Storytelling für einen Social Change

Ich möchte euch aber noch eine zweite Lösung an die Hand geben: Lasst das mit dem Performance Marketing mal schön sein und praktiziert bitte so etwas wie Performance Storytelling. Und egal, ob ihr im professionellen oder privaten Kontext postet: Da gibt es heute eh keinen Unterschied mehr! Fangt also an, zu erklären, was ihr da gerade macht, warum ihr euch entschieden habt, nach Südtirol in den Urlaub zu fahren (statt einfach nur Hashtag #Urlaub #Südtirol) oder erklärt, wie ihr auf die Idee für diesen Workshop gekommen seid.

Grüße gehen raus an alle, die es bis hierher geschafft haben. Ihr seid von der richtigen Sorte. 

Ich empfehle mich, guten Tag. 

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P.S.: Fall jemand wissen möchte, wo meine Reise hingeht: In die Richtung Social Media mit Design Thinking. Wenn ihr es toll findet, klaut das bitte nicht. Und ja, das muss ich leider dazusagen.

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Hey!

Keine Ahnung was du posten sollst?

Und mit Content-Planen gibst jetzt auch nicht so die Haufen Likes, die andere haben? Vielleicht solltest du mal an deiner Interaktions-Strategie arbeiten.